Vom anerzogenen Gewohnheitschristentum, das in die Gefangenschaft führt zur Begegnung Gottes, die in die Freiheit führt.

Viele von uns kennen dieses Phänomen. Aufgewachsen in einem frommen Elternhaus wird die christliche Tradition zur Last. Man weiß, wie man sich verhalten soll, man kennt das Gesetz Gottes und findet es richtig und gut und man will eigentlich auch danach handeln, doch innerlich spürt man ein anderes Gesetz, das Gesetz der Sünde. Man erlebt das, was Paulus im Römerbrief Kapitel 7 beschreibt. Man fühlt sich unfrei, ja verdammt, und ist es auch. Manche geben es dann ganz auf und flüchten in die sogenannte Freiheit, bis sie erkennen, dass sie dort, wo sie dann sind, noch viel unfreier geworden sind, ja dass sie zu einem Sklaven der eigenen Laster wurden. An dieser Stelle hilft nur eine radikale Ehrlichkeit Gott gegenüber. Im übrigen, können auch Christen, die wirklich einmal eine echte Erweckung mit Wiedergeburt und fröhlichem Glauben erlebt haben, auf solch einen Weg kommen. Irgendwie haben sie die Gemeinschaft mit Gott verloren, sind falsche Wege gegangen und innerlich vertrocknet. Dann ist es höchste Zeit, sich aufzumachen und seinem Gott zu begegnen.

Der folgende Artikel aus Christianity Today beschreibt diese Situation und den Weg hinaus:

When Altar Calls Don’t Work

Hier habe ich den Artikel übersetzt:

Wenn Altar Rufe nicht funktionieren
Wie viele Male muss ich gerettet werden, bevor ich wirklich Gott liebe?

Jonathan R. Bailey/ 18. März 2016

Ich wuchs als Pastorenkind auf, als drittes von vier Kindern. Oder als viertes? Jahrelang habe ich geglaubt, 30 Sekunden vor meinem eineiigen Zwilling Josh zur Welt gekommen zu sein. Doch neulich zweifelte mein Zwillingsbruder diese 33jährige Tatsache an und kehrte damit die Welt der Bailey Familie um. Josh und ich waren abenteuerlustige, ungebundene Zwillinge, und wir machten die Vororte von North Dallas zu unserem Spielplatz. Die Flamme unser Abenteuerlust wurde noch befeuert von unserem älteren Bruder Jeremy. Zusammen wollten wir Risiken und Erfahrung aus erster Hand machen. Indiana „Jones und der Tempel des Fluches“ nur im Film zu sehen, machte uns nicht zufrieden. Ich musste Indiana Jones sein! Ich musste hinter unserem Haus durch die Bäche waten, Lassos machen und Abwasserkanäle erforschen und das nicht mit einer Taschenlampe, sondern mit einem Hemd, das ich in Benzin tauchte und anzündete.
Intensiv hörte ich als Junge die größten Abenteuergeschichten, die jemals erzählt worden waren: Noah und seine Arche, David der Sieger gegen den Riesen und Josua, der die Mauern Jerichos zum Einsturz brachte. Diese Leute erlebten wilde Abendteuer und Gott aus erster Hand. Mein Verlangen nach Gemeinschaft mit Gott wurde dort geboren bei den Story-Zeiten mit meinem Vater. 

Dad war Pastor einer nondenominalen, charismatischen – oder wie er zu sagen pflegte – fröhlichen Baptistengemeinde. Sie war das zweite Zuhause unserer Familie. Josch und ich haben dort alles Erdenkliche angestellt: Wettschießen mit dem Luftgewehr im leeren Gemeindesaal, Pony reiten rund um den Parkplatz, Donuts herstellen beim Frühjahrsfest und Fahrstunden mit dem Wagen unseres Jugendpastors, bevor wir den Führerschein hatten.

Als ich etwas älter geworden war, stürzte ich mich in die Mitarbeit unserer Jugendgruppe. Mein Bruder und ich machten Werbevideos, verkabelten Lightshow-Geräte und Nebelmaschinen für unsere Freitagabend Gottesdienste. Ich bestand darauf, am Sound zu arbeiten, um selbst nicht beim Lobpreis teilnehmen zu müssen sondern andere dabei zu beobachten. Als Teeny glaubte ich fest an Gottes Existenz, ohne ihn allerdings wirklich selbst erlebt zu haben. „Christentum“, was immer das auch bedeutete, ging bei mir in einem Ohr rein und aus dem anderen wieder raus. Ich kannte Fakten und Bibelverse und wie man sich bei älteren Damen bedankt, die sagten, dass sie für einen beten.

Dann gab´s da noch meinen Erzfeind: den Altarruf. 

Niemals hatte ich dadurch eine tiefere, nachhaltige Veränderung erlebt, nachdem ich meine Hand erhoben oder ein Gebet nachgesprochen hatte. So kam es, dass ich mit der Zeit Sätze verabscheute, wie „Kommt nach vorne“, „erhebe deine Hand“ oder „wiederhole, was ich sage“. Jeder Anlauf, gerettet zu werden, schien mir mehr wegzunehmen als zu geben. Im Hochschulalter verhielt es ich mit meinem „Glaubensleben“ so: Ich wollte nicht in die Hölle, hatte aber auch keine Lust auf den Himmel. So wie sich meine Aversion gegen alle christlichen Dinge verfestigte, so endete auch meine Mitarbeit in der Kirche. Im Alter von 22 wurde ein Sommer-Camp-Mitarbeiter einer meiner besten Freunde. Wir spielten Strand-Volleyball, warfen Frösche in den See und ärgerten unseren Jugendpastors.

Der Abschlussabend des Sommercamps wurde vom Gast-Pastor mit einem sehr emotionalen Altarruf beendet. Schon wieder, dachte ich. Ich fing an abzuschalten, bis ich aus meinem Augenwinkel sah, wie mein Freund nach vorne ging. Noch mehr als dies schockierte es mich, dass ich später bemerkte, dass an diesem Abend etwas mit ihm passiert war. Er hörte auf mit dem Trinken und Partymachen. Er fing an die Bibel zu studieren, las begierig christliche Bücher und ging zur Kirche. Zudem schien sein Verhalten nicht aus Pflichterfüllung heraus zu kommen, sondern aus Liebe. Es schien so, als wollte er Gott kennenlernen um mehr von ihm zu lernen und ihm ähnlich zu werden. Seine Beharrlichkeit bewiesen dies. Er hatte Freude dabei.

Das aber war das Gegenteil von dem, was ich immer wieder erlebt hatte. Die Mühle ging bei mir ungefähr so: gerettet werden in einem Ausbruch von Gefühlen, Hingabe an Jesus für ein paar Tage oder Wochen und dahinschwinden der Hingabe. Jeder in unserer Kirche schien wieder auf den alten Weg zurückzukehren bis zum nächsten Camp oder zum nächsten Special Event. Doch nicht so mein Freund. Monat für Monat, so wie eine Blume im Frühjahr, wuchs er. Die nächsten fünf Monate habe ich damit verbracht, ihn aus nächster Nähe zu beobachten, wie er in der Bibel las, betete und Jesus suchte. Seine Hingabe und Liebe zu Gott waren unerschütterlich und bald kam ein Schwall von Hoffnung auch über mich. Der Gedanke packte mich: „Veränderung ist möglich. Wirklich, es ist möglich!“ Es gab mir Hoffnung, dass das Christentum etwas Reales in meinem Leben bewirken kann.

Eines Morgens floss ein aufrichtiges Gebet aus mir heraus: „Gott, ich liebe dich nicht. Aber ich möchte es!“ Ich verstellte meine Worte diesmal nicht mehr. Ich wusste, wie sich Liebe anfühlt, denn ich liebte meine Mutter, meinen Vater, meine Brüder, meine Schwester. Ich fühlte davon nichts Gott gegenüber, aber ich wollte es gerne. Ich erzählte meinem Vater von diesem Gebet und er betete mit mir, niemals verurteilend, sondern mich so akzeptierend wie ich war.

Einige Wochen lebte ich mit diesem Gebet, nahm es mit, wo immer ich hinging, und durchtränkte mein trockenes Herz förmlich damit. Dann, eines Nachts änderte sich alles. Es war noch sehr früh und dunkel draußen. Ich war in tiefem Schlaf, als ich plötzlich meine Augen öffnete. Ich erinnere mich, dass ich verwirrt war, um 5 Uhr aufzuwachen. Ich lag einige Sekunden still im Dunkeln. Dann hörte ich etwas in meinem Geist, deutlich und klar. Nie zuvor hatte ich so etwas erlebt. Es war weder laut noch leise. Ich hörte folgende Worte:

„Steh auf, nimm deine Bibel und setz dich an den Schreibtisch.“

Meine Augen weiteten sich und mein Puls erhöhte sich. Ich lag wie gelähmt da und nach einigen Momenten sagte mir die Vernunft: Du bildest dir das nur ein. Ich schloss meine Augen und versuchte wieder einzuschlafen, aber es ging nicht. Die Stille im Raum war erdrückend. Wieder kam der Gedanke: „Steh auf, nimm die Bibel und setz dich an den Schreibtisch.“

Ich hatte genug Bibelgeschichten gehört und genug Predigten, um zu wissen, dass es jetzt Zeit war, aufzupassen. Ich stand auf, sog die Morgenfrische in mir auf und fand meine Bibel, auf der sich unter der Lampe auf meinem Nachttisch etwas Staub angesammelt hatte. Ich ergriff sie und setzte mich an den Schreibtisch. Einige Zeit starrte ich sie an. Unschlüssig, was als nächstes zu tun sei. Klar, ich sollte sie aufschlagen und öffnete willkürlich eine Seite.

Bei dieser Gelegenheit wollte Gott mich wohl durch „Bibel-Roulette“ ansprechen. Ich blätterte die Seiten um. Da saß ich – mein Herz und die Schrift waren weit offen, um mich herum schien sich alles zu verwischen und das Leben schien still zu stehen – und schaute auf die Stelle im Matthäus Evangelium, Kapitel 22, Vers 37 und las:

„Du sollst den HERRN, deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und mit all deinem Verstand.“

Wie sich bei einem großen Dammbruch die Wasserflut ergießt, so ergoss sich Gottes Liebe in mein Herz. In diesem Moment würde aus meinem überlieferten Glauben eigenes Erleben. Mein Wissen über Gott wurde ersetzt durch das Kennen Gottes und, so wie dies bei meinem Freund gewesen war, wurde meine Erfahrung bleibend.

Kurz nach meiner Begegnung mit Gott, entwickelte ich eine neue Angewohnheit, nämlich früh aufzustehen und bei einem Kaffee zu lesen. Beim Betrachten einiger der Bücher meines Vaters öffnete ich das Buch von Dallas Willard „The Spirit of Disciplines“ (Der Geist der Disziplinen?) und las einen Satz, der mein Gefühl von Not und Trennung, beim Aufwachsen in der Gemeinde auf den Punkt brachte:

„Falsch verstandene Spiritualität ist eine Hauptquelle des menschlichen Elends und seiner Rebellion gegen Gott. Ja, es war alles falsch gewesen. Der christliche Glaube hat nichts zu tun mit Kirchgang, damit eine moralische Person zu sein, an die richtigen Dinge zu glauben oder eine emotionale Erfahrung zu machen. Es ging um Gottes Liebe, die mich erfüllt und befreit.

Seit diesem Tag vor 13 Jahren, habe ich alles gelesen, was Willard geschrieben hat und möchte mein Leben dem Training in der Lehre Jesu widmen. Das bedeutet nicht, dass der Glauben einfach sei, aber er wurde zum spannendsten Abenteuer in meinem Leben. Der Kampf gegen falsche Gewohnheiten, Stolz, Ärger, Lust und Gefräßigkeit wurde zu einem Abenteuer, dagegen verblassen die Bäche und Abwasserkanäle von damals.

Gemeinsam mit meinem Zwillingsbruder haben ich ein erfolgreiches Geschäft angefangen und wir gehen Risiken mutvoll an. Ich habe eine wundervolle Familie; aber ich musste auch ein Kind begraben. Durch Freud und Leid hindurch gibt mir Jesus ewiges Leben, erfüllt und befreit mich.

Heute fühle ich nicht nur seine ursprüngliche und beharrliche Liebe, sondern langsam mache ich meine eigenen Fortschritt in der Liebe, indem ich Liebe empfange, die mich näher zieht, hin zu jener süßen Gemeinschaft, die wir Dreieinigkeit nennen. Das ist es! Darum dreht sich mein Leben. Das ist das Abenteuer, in dem ich stecke.

Jonathan R. Bailey is co-founder of Lightstock and board chair of Renovaré.

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